Seebestattung: Überall und nirgendwo

Borken, 27. Mai 2019

Noch schnell die Schuhe abgestreift, über die letzte Düne geklettert und dort liegt es: das Meer! Das Meer, die See, der Ozean - Symbole der Unendlichkeit, allgemeiner Sehnsuchtsort und Ziel unzähliger Roadmovies. Wobei dort angekommen die Protagonisten in aller Regel sterben. Während des Sonnenaufgangs selbstverständlich, die letzten Sonnenstrahlen weisen quasi den Weg direkt ins Paradies.

Eigentlich ist es kein Wunder, dass Seebestattungen sich zunehmender Beliebtheit erfreuen: So romantisch ist das Meer als Kulisse, so befreiend kann die Weite im Urlaub wirken, so schön sind die Erinnerungen an lange Strandspaziergänge. Warum also nicht die Asche eines geliebten Menschen den Wellen übergeben und ihn fortan bei jedem Strandspaziergang ganz nahe wissen, egal, an welcher Küste man gerade ist?

Früher Notlösung, heute hipp

"Seebestattungen waren früher Notbestattungen. Wenn jemand auf hoher See verstorben war, musste der Körper aus hygienischen Gründen den Wellen übergeben werden", erläutert Andreas Mäsing vom Verein zur Förderung der deutschen Friedhofskultur e.V. (VFFK). "Das war keine freiwillige Entscheidung, im Gegenteil. Erst der heutige Trend zur Individualisierung hat die Seebestattung überhaupt gesellschaftsfähig gemacht." Gesellschaftsfähig und jenseits von "normal", das sind Seebestattungen in der Tat. Normal, im Sinne von häufig, ist dafür aber etwas anderes: die spätere Suche der Angehörigen nach Halt.

Psychische Belastung für Angehörige

"Eine Seebestattung gilt zurzeit als chic und natürlich gibt es Menschen, die sich dem Element Wasser sehr verbunden fühlen. Es ist aber etwas völlig anderes, ob jemand gerne surfen geht und dann wieder heimkommt, oder ob seine sterblichen Überreste einer unendlichen Weite übergeben werden", weiß Mäsing aus vielen Gesprächen. Natürlich könne man als Angehöriger versuchen sich zu sagen, dass der Verstorbene dann sozusagen überall sei und man ihn bei jedem Bad im Meer wiedertreffe. "Aber tatsächlich ticken wir eben nicht so und es ist schwer, in solchen Dimensionen zu denken."

Aus der Trauerpsychologie ist bekannt, wie wichtig für Angehörige ein fester Platz ist, den sie jederzeit aufsuchen oder an den sie sich zumindest gedanklich richten können. "Die unendlichen Weiten des Ozeans sind das genaue Gegenteil, weshalb Seebestattungen für die Angehörigen oft ähnlich belastend sind wie anonyme Bestattungen", berichtet der VFFK-Vorsitzende.

Ein Platz für Begegnungen

"Die Gründe, weshalb sich die Bestattung auf einem Friedhof über so lange Zeit etabliert habe, reichten weit über religiöse Inhalte hinaus", erklärt Mäsing. "Nicht umsonst spricht man vom Friedhofsbesuch. Sogar die "Toten Hosen" beschreiben in ihrem Song "Nur zu Besuch" sehr treffend die friedvolle, freundliche Atmosphäre und die Bedeutung der inneren Zwiesprache. Auf dem Friedhof hat der Verstorbene einen festen Platz, an dem ich ihn aufsuchen und seiner gedenken kann. Ich kann Grabpflege zur aktiven Trauerarbeit nutzen, andere Menschen treffen und mich austauschen, meine Kinder mitnehmen und ihnen vom Opa erzählen. Der Friedhof ist ein Ort für die Toten, vor allem aber für die Lebenden."

Friedhöfe als lebendiges Kulturgut fördern

Der Verein zur Förderung der deutschen Friedhofskultur e.V. möchte Friedhöfe als sozial, kulturell und ökologisch wertvolle Orte im Bewusstsein der Gesellschaft verankern. Er engagiert sich für den Erhalt historischer Friedhöfe ebenso wie für die aktive Kulturpflege und für den Dialog der Religionen. Zu diesem Zweck steht der Verein in ständigem Kontakt und Austausch mit Kommunen und Verbänden sowie mit Vertreterinnen und Vertretern von Religionen und Religionsgemeinschaften.

Für einen Jahresbeitrag von 60,00 Euro informiert der VFFK seine Mitglieder regelmäßig über aktuelle Kampagnen, Termine sowie Print- und Onlinepublikationen. Zudem stellt er ihnen Poster, Druckvorlagen und Displaybanner zu aktuellen Kampagnen zum Selbstkostenpreis zur Verfügung. Weitere Informationen finden Sie auf diesen Seiten.

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